Euphrasia officinalis (Augentrost): Vollständiges botanisches Profil

16 Min Lesezeit
10 Quellen
Veröffentlicht am Aktualisiert am

Euphrasia officinalis ist ein winziges einjähriges Kraut aus der Familie der Orobanchaceae, das im Deutschen als Augentrost bekannt ist. Es überschreitet selten 25 Zentimeter Höhe und bleibt inmitten der Wiesenvegetation fast unbemerkt, doch aus der Nähe zeigt es weiße, purpurn geaderte Lippenblüten mit einem gelben Fleck auf der Unterlippe, der Insekten als Saftmal dient.

Die Art wächst von Natur aus in den gemäßigten Regionen Europas und Westasiens, von Finnland bis Westsibirien und in die Türkei, fast immer an nährstoffarme, extensiv bewirtschaftete Grasländer gebunden. Das biologische Merkmal, das sie bestimmt, ist der Halbparasitismus: Obwohl sie Chlorophyll besitzt und auf eigene Rechnung Photosynthese betreibt, verbindet sie sich über Haustorien mit den Wurzeln von Gräsern und anderen Nachbarpflanzen, denen sie Wasser und Mineralsalze entzieht. Ohne Wirt kümmern die Keimlinge in der Regel wenige Wochen nach der Keimung dahin.

Aus Sicht der Systematik gehört Euphrasia zu den heikelsten Gattungen der europäischen Flora. Wiederkehrende Polyploidie, ausgiebige Hybridisierung und morphologisch eigenständige lokale Populationen haben einen Schwarm von Kleinarten hervorgebracht, deren Abgrenzung unter Fachleuten weiterhin umstritten ist. Der Name E. officinalis wurde am Ende im weiten Sinne verwendet und deckt einen großen Teil dieses Komplexes ab. Dieses Profil behandelt die Pflanze in streng botanischen Begriffen: Klassifikation, Morphologie, Ökologie, Phänologie, beschreibende chemische Zusammensetzung und Erhaltung.

Taxonomie

Der akzeptierte Name lautet Euphrasia officinalis L., von Linné 1753 in Species Plantarum, Band 2, Seite 604, veröffentlicht. Der Eintrag findet sich im IPNI unter der Kennung 802732-1 und wird von Plants of the World Online der Royal Botanic Gardens Kew als akzeptierter Name geführt. Die Art ist der Typus der Gattung Euphrasia L.

  • Reich: Plantae
  • Abteilung: Tracheophyta
  • Klasse: Magnoliopsida
  • Ordnung: Lamiales
  • Familie: Orobanchaceae
  • Tribus: Rhinantheae
  • Gattung: Euphrasia L., 1753
  • Art: Euphrasia officinalis L., 1753

Eine häufige Abweichung zwischen Datenbanken verdient einen Hinweis. Nomenklatorische Verzeichnisse wie das IPNI führen die Gattung unter den Scrophulariaceae, jener Familie, in die Linné und die Botaniker des 19. Jahrhunderts sie stellten. Die heutigen phylogenetischen Klassifikationen, denen die APG und Kew selbst folgen, haben sämtliche halbparasitischen Gattungen der Tribus Rhinantheae zu den Orobanchaceae überführt, und das ist die hier vertretene Auffassung.

Synonymie und infraspezifische Taxa

Für den Namen im engeren Sinne führt Plants of the World Online nur ein einziges Synonym auf, Euphrasia officinalis subsp. major Ehrh., 1780 veröffentlicht und als nicht gültig veröffentlicht eingestuft. Diese Knappheit an Synonymen täuscht: In Fülle vorhanden sind vielmehr infraspezifische Taxa und Kleinarten, die verschiedene Autoren teils als Unterarten von E. officinalis, teils als eigenständige Arten behandeln. Zu den derzeit anerkannten Unterarten zählen:

  • Euphrasia officinalis subsp. anglica (Pugsley) Silverside
  • Euphrasia officinalis subsp. campestris (Jord.) Kerguélen & Lambinon
  • Euphrasia officinalis subsp. monticola Silverside
  • Euphrasia officinalis subsp. officinalis
  • Euphrasia officinalis subsp. pratensis (Wimm. & Grab.) Schübl. & G.Martens

Namen wie Euphrasia rostkoviana Hayne, Euphrasia nemorosa (Pers.) Wallr. und Euphrasia stricta J.P.Wolff ex J.F.Lehm. kursieren je nach herangezogener Flora sowohl als eigenständige Arten als auch als dem Komplex untergeordnete Einheiten. Wer mit Herbarmaterial arbeitet, muss die zugrunde gelegte taxonomische Quelle vermerken, sonst vergleicht er Daten, die nicht vergleichbar sind.

Etymologie

Der Gattungsname geht auf das griechische euphrosýne zurück, das Freude oder Frohsinn bedeutet, und verweist auf Euphrosyne, eine der drei Grazien der griechischen Mythologie. Das Epitheton officinalis leitet sich vom lateinischen officina ab, der Apotheke mittelalterlicher Klöster, und zeigt an, dass die Pflanze zu Linnés Zeit in den Verzeichnissen europäischer Apotheken geführt wurde. Der englische Name eyebright und der deutsche Augentrost gehen auf denselben kulturellen Ursprung zurück, der weiter unten behandelt wird.

Morphologische Beschreibung

Zwei offene Blüten von Euphrasia officinalis, deren purpurne Aderung auf den gelben Schlundfleck in der Mitte der Krone zuläuft.

Ein Blütenpaar von Euphrasia officinalis zur Anthese, bei dem die purpurnen Adern auf den gelben Fleck zulaufen, der Insekten zum Eingang der Kronröhre lenkt.

Ein aufrechtes einjähriges Kraut von 5 bis 25 Zentimetern Höhe, das in wüchsigen Beständen ausnahmsweise 35 Zentimeter erreicht. Der Wuchs schwankt je nach Wirtsangebot und Bodenfruchtbarkeit erheblich: Auf sehr armen Böden blüht die Pflanze mitunter bei wenigen Zentimetern und mit einem einzigen Trieb, während gut etablierte Exemplare kleine, von Grund auf verzweigte Horste bilden. Der gesamte oberirdische Teil ist mit kurzen Trichomen bedeckt, je nach Unterart drüsig oder nicht, ein Merkmal, das Fachleute bei der Bestimmung häufig heranziehen.

Blätter

Die Blätter messen 5 bis 15 Millimeter in der Länge und 4 bis 10 Millimeter in der Breite, sind sitzend und im Umriss eiförmig bis fast kreisrund. Am unteren Stängel stehen sie gegenständig und gehen im Bereich des Blütenstands allmählich in wechselständige, laubblattartige Tragblätter über. Der Rand trägt drei bis sechs Paare spitzer, deutlich ausgeprägter Zähne, eines der brauchbarsten Merkmale, um die Gattung von ähnlich aussehenden Nachbarn zu trennen. Die Färbung ist dunkelgrün, bei Pflanzen in voller Sonne häufig bronzefarben oder purpurn überlaufen, und die Textur fühlt sich starr an.

Blüten

Detail der Lippenblüte: Die Oberlippe bildet einen zweilappigen Helm, der die vier didynamischen Staubblätter birgt, während sich die Unterlippe in drei Lappen als Landeplattform öffnet.

Detail der Lippenblüte: Die Oberlippe bildet einen zweilappigen Helm, der die vier didynamischen Staubblätter birgt, während sich die Unterlippe in drei Lappen als Landeplattform öffnet.

Die Blüten sind zygomorph und entspringen einzeln in den Achseln der Tragblätter, wodurch eine beblätterte Endähre entsteht, die sich mit fortschreitender Blüte streckt. Der Kelch ist röhrig, behaart und endet in vier Zähnen. Die Krone misst in den meisten Populationen 6 bis 10 Millimeter und erreicht bei den großblütigen Pflanzen der rostkoviana-Gruppe 12 Millimeter; sie ist zweilippig, wobei die Oberlippe einen leicht zurückgebogenen, zweilappigen Helm bildet und die Unterlippe sich in drei Lappen öffnet, die als Landeplattform dienen. Der Grund ist weiß oder blasslila, von zusammenlaufenden purpurnen Adern durchzogen und auf dem mittleren Unterlappen von einem leuchtend gelben Fleck gezeichnet. Es sind vier didynamische Staubblätter vorhanden, in der Kronröhre eingeschlossen, mit Staubbeuteln, deren Theken spitze Anhängsel tragen.

Früchte und Samen

Die Frucht ist eine seitlich zusammengedrückte, fachspaltige Kapsel von 4 bis 7 Millimetern, die sich bei der Reife mit zwei Klappen öffnet und vom bleibenden Kelch umschlossen bleibt. Jede Kapsel birgt zahlreiche winzige Samen von 0,5 bis 1 Millimeter, länglich, hellbraun und von Längsriefen durchzogen, die unter der Lupe gut zu erkennen sind. Das äußerst geringe Samengewicht ist für die Ökologie der Art entscheidend, denn der minimale Nährstoffvorrat lässt dem Keimling nur sehr wenig Zeit, einen Wirt aufzuspüren.

Wurzel und Stängel

Das Wurzelsystem ist flach und wenig entwickelt, mit kurzer Hauptwurzel und feinen Seitenwurzeln, die sich in der oberen Bodenschicht ausbreiten. Von ihnen gehen die Haustorien aus, spezialisierte Organe, die sich an die Wurzel einer Nachbarpflanze heften, deren Rinde durchdringen und einen Anschluss an das Xylem des Wirtes herstellen. Über diese Verbindung bezieht der Augentrost Wasser und mineralische Nährstoffe. Die bevorzugten Wirte gehören zu den Poaceae, doch die Art schließt sich unter anderem auch an Fabaceae, Plantaginaceae und Asteraceae an. Der Stängel ist einfach oder verzweigt, im Querschnitt rundlich, grünlich bis rötlich, mit kurzen Internodien.

Verbreitung und Lebensraum

Der Augentrost blüht dicht über dem Boden, eingewoben in die Wiesengräser, denen er über die an Nachbarwurzeln angeschlossenen Haustorien Wasser und Mineralsalze entnimmt.

Der Augentrost blüht dicht über dem Boden, eingewoben in die Wiesengräser, denen er über die an Nachbarwurzeln angeschlossenen Haustorien Wasser und Mineralsalze entnimmt.

Das von Plants of the World Online anerkannte natürliche Areal reicht von Finnland bis Westsibirien und in die Türkei und umfasst praktisch ganz Europa, den Kaukasus und Transkaukasien. Die Art ist von den Britischen Inseln und Skandinavien bis zur Balkanhalbinsel und ins europäische Russland nachgewiesen, mit Vorkommen in den Alpen, den Karpaten und den Pyrenäen. Außerhalb dieses Gürtels bestehen eingeführte und eingebürgerte Populationen im äußersten Süden Südamerikas, in Mittel- und Südchile, im Süden Argentiniens und auf den Falklandinseln, höchstwahrscheinlich mit europäischem Futtersaatgut verschleppt. In Brasilien kommt der Augentrost nicht vor, weder spontan noch in nennenswertem Anbau.

Typische Lebensräume sind magere Wiesen, extensiv genutzte Weiden, Waldlichtungen, Wegränder, entwässerte Moore, Küstenrasen und alpine Matten, vom Meeresspiegel bis je nach Kleinart etwa 2.500 Meter. Das Klima ist gemäßigt, mit Jahresniederschlägen in der Größenordnung von 500 bis 1.500 Millimetern und milden Sommern. Die Pflanze verträgt Böden von neutraler bis ausgesprochen kalkhaltiger Reaktion und gedeiht auf sauren, staunassen Standorten schlecht.

Ein ökologischer Punkt verdient Nachdruck: Der Augentrost ist ein Zeiger für nährstoffarme Böden. Eine Anreicherung durch Stickstoffdüngung begünstigt konkurrenzstarke Gräser, die aufwachsen, beschatten und den Halbparasiten binnen weniger Vegetationsperioden verdrängen. Aus diesem Grund lesen Vegetationsökologen das örtliche Verschwinden der Art meist als Zeichen landwirtschaftlicher Intensivierung. Aus den Gebieten, in die sie eingeführt wurde, ist kein problematisches invasives Verhalten belegt.

Anbau

Augentrost zu kultivieren gilt als notorisch schwierig, und der Grund dafür ist der Halbparasitismus. Der Same keimt ohne fremde Hilfe, doch der Keimling muss binnen weniger Wochen eine geeignete Wirtswurzel finden, sonst stirbt er, sobald seine Reserven erschöpft sind. Botanische Sammlungen und Projekte zur Wiederherstellung von Wiesen umgehen das Problem, indem sie den Augentrost zusammen mit Wirtsgräsern aussäen, meist Arten der Gattungen Agrostis, Festuca und Lolium, auf bewusst magerem Substrat.

Die Aussaat erfolgt im Herbst breitwürfig auf kurz geschnittene Vegetation, damit der Winter für die Kältestratifikation sorgt, welche die Samen zum Brechen der Keimruhe benötigen. Düngung ist aus dem bereits genannten Grund kontraproduktiv, und die Bewässerung beschränkt sich auf anhaltende Trockenperioden, da ein Übermaß an Feuchtigkeit Blattpilze begünstigt. Die übliche Wiesenpflege besteht aus einem einzigen jährlichen Schnitt, der so spät erfolgt, dass die Kapseln die Samen des Jahres bereits freigegeben haben.

Zu den dokumentierten Pflanzenschutzproblemen zählen der Rost Coleosporium euphrasiae, der orangefarbene Pusteln auf der Blattunterseite hervorruft, der Falsche Mehltau durch Peronospora spp. sowie der Echte Mehltau durch Erysiphe spp. in feuchten Abschnitten. Blattläuse besiedeln gelegentlich die Blütenstände, und intensive Beweidung löscht ganze Bestände vor der Fruchtreife aus. Die Ernte von Vermehrungsmaterial richtet sich nach der Reife der Kapseln, zwischen Spätsommer und Frühherbst, und verlangt Aufmerksamkeit, denn der Aufsprung erfolgt rasch und die Samen gehen binnen weniger Tage im Boden verloren.

Phänologie

Auf der Nordhalbkugel erstreckt sich die Blüte von Juni bis September, mit einem Höhepunkt im Juli und August und einer Verschiebung um einige Wochen je nach Höhenlage und geographischer Breite. Alpine Populationen blühen später und über einen kürzeren Zeitraum. Die Fruchtreife folgt dicht darauf, von August bis Oktober, und die Pflanze durchläuft ihren gesamten Zyklus in einer einzigen Vegetationsperiode und stirbt, nachdem sie die Samen ausgestreut hat.

Die Bestäubung erfolgt durch Insekten. Kurzrüsselige Bienen, Schwebfliegen und andere Zweiflügler besuchen die Blüten, angezogen vom Kontrast des gelben Flecks gegen den hellen Grund, der das Insekt zum Eingang der Röhre lenkt. Selbstbestäubung ist häufig und in mehreren Linien vorherrschend, wobei ein Zusammenhang zwischen Ploidiegrad und Selbstungsrate belegt ist: Tetraploide Populationen neigen zu kleineren Blüten und stärkerer Selbstbefruchtung als diploide. Dieses Nebeneinander von Fortpflanzungssystemen trägt zur Erklärung bei, warum in der Gattung so viele lokale Formen entstehen.

Die Ausbreitung erfolgt im Wesentlichen durch Schwerkraft. Die Samen fallen in geringer Entfernung von der Mutterpflanze zu Boden, und der Ferntransport hängt von äußeren Trägern ab, vor allem vom Vieh, von Heumaschinen und vom Verbringen von Futtermaterial zwischen Betrieben. Auf diesem Weg gelangte die Art in den Süden Amerikas.

Verwandte Arten und Verwechslungen

Die Gattung Euphrasia vereint je nach vertretener Auffassung rund 270 bis 350 Arten und weist eine bemerkenswert bipolare Verbreitung auf: Sie ist in Europa, Asien, Nordamerika, den Anden, Australasien und sogar auf subantarktischen Inseln vertreten. In Europa treten die häufigsten Verwechslungen nicht zwischen Gattungen auf, sondern innerhalb von Euphrasia selbst. Um E. nemorosa, E. arctica, E. stricta und E. salisburgensis von den Formen der E. officinalis zu trennen, müssen Trichomtyp, Kronenlänge, die Zahl der Internodien unterhalb der ersten Blüte und die Form der Blattzähne geprüft werden, vorzugsweise an vollständigem und gut gepresstem Material.

Außerhalb der Gattung werden drei Wiesenhalbparasiten von ungeübten Beobachtern regelmäßig mit dem Augentrost verwechselt. Odontites vernus hat durchgehend rosafarbene bis purpurne Blüten ohne gelben Fleck sowie schmale, lineale Blätter. Rhinanthus minor ist mit 20 bis 50 Zentimetern deutlich größer, hat gelbe Blüten und einen aufgeblasenen, abgeflachten Kelch, der klappert, sobald die Samen trocknen. Melampyrum pratense zeigt eine gelbe, röhrige Krone und einen kräftigeren Wuchs sowie lineale bis lanzettliche Blätter.

Im gemäßigten Europa gibt es keine bekannte Giftpflanze, die dem blühenden Augentrost nahe käme, doch der allgemeine Hinweis behält seine Gültigkeit: Eine Geländebestimmung allein anhand der Fotografie einer kleinen weißen Blüte reicht für keinerlei Zweck aus, und die Bestimmung auf Artebene innerhalb von Euphrasia verlangt gewöhnlich nach einer Fachperson.

Phytochemie von Augentrost

Die chemische Zusammensetzung der oberirdischen Teile von Euphrasia officinalis und nahe verwandter Kleinarten wurde in den vergangenen Jahrzehnten von verschiedenen Arbeitsgruppen beschrieben. Die beständigsten Marker sind Iridoidglykoside, eine in den Lamiales reichlich vertretene Stoffklasse.

  • Iridoide: Aucubin, Catalpol, Euphrosid, Eurostosid, Geniposid, Ixorosid und Mussaenosid, in den oberirdischen Teilen angereichert.
  • Phenylethanoide: Verbascosid, auch Acteosid genannt, dazu Leucosceptosid A und Decaffeoylacteosid.
  • Flavonoide: Apigenin und glykosylierte Derivate, Luteolin-7-O-glucosid, Quercetin und Rutin.
  • Phenolsäuren: Kaffeesäure, Chlorogensäure und Ferulasäure.
  • Gerbstoffe: kondensierte und hydrolysierbare Fraktionen in den oberirdischen Teilen.

Vergleichende Erhebungen an alpinen Populationen von Euphrasia rostkoviana zeigten ein aufschlussreiches Variationsmuster: Die Iridoide traten in sämtlichen beprobten Populationen auf, während Vorkommen und Gehalte von Rutin und der Phenylethanoide von Standort zu Standort erheblich schwankten. Ein Teil dieser Schwankung wurde mit der Höhenlage und den Standortbedingungen in Verbindung gebracht. Da die Pflanze einen Teil ihrer Ressourcen vom Wirt bezieht, kann das chemische Profil einer Population auch die Zusammensetzung der umgebenden Vegetation widerspiegeln, und Vergleiche zwischen Studien verlangen Vorsicht hinsichtlich der taxonomischen Identität des untersuchten Materials.

Geschichte und Ethnobotanik

Die Verbindung zwischen dem Augentrost und den Augen ist alt und erklärt sowohl das Epitheton als auch die Namen eyebright und Augentrost. Die Signaturenlehre, eine im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa verbreitete Denkrichtung, ging davon aus, dass das Aussehen einer Pflanze ihre Bestimmung anzeige; die zusammenlaufenden purpurnen Adern und der gelbe Fleck der Krone wurden als Ähnlichkeit mit einem Auge gedeutet, und mit dieser Begründung fand die Pflanze Eingang in die Verzeichnisse europäischer Klosterapotheken. Herbarien und Rezeptsammlungen vom 14. bis zum 17. Jahrhundert belegen diesen Ruf, der die europäische Pharmakopöe durchlief und die ländliche Volksmedizin des 19. Jahrhunderts erreichte.

Auch in der Literatur hat die Pflanze Spuren hinterlassen. John Milton stellte sie in Paradise Lost, 1667 erschienen, unter jene Gewächse, die der Erzengel Michael einsetzt, um Adam den Blick zu klären, eine Passage, die den Namen eyebright im englischen Sprachraum festigte.

In der Geschichte der Botanik spielte die Gattung eine eigene Rolle. Linné beschrieb Euphrasia officinalis im Jahr 1753. Naturforscher des 19. Jahrhunderts dokumentierten die halbparasitische Lebensweise der Gattung, und ab den 1960er Jahren nahm Peter F. Yeo jene Revision in Angriff, die das Verständnis der europäischen Arten bis heute ordnet, indem sie das Ausmaß von Polyploidie, Hybridisierung und Apomixis in der Gruppe aufzeigte. Yeo veröffentlichte 1978 die taxonomische Revision von Euphrasia in Europa, die späteren Regionalfloren als Grundlage dient.

Schutzstatus

Die Rote Liste der IUCN enthält keine veröffentlichte globale Bewertung für Euphrasia officinalis sensu lato, weshalb als zutreffender Status nicht bewertet zu vermerken ist. Ebenso wenig steht die Art in den Anhängen des Washingtoner Artenschutzübereinkommens. Was die Häufigkeit betrifft, bleibt der Komplex in Europa weit verbreitet und ist als Ganzes nicht vom Aussterben bedroht.

Das Bild ändert sich, sobald man auf die Ebene der Kleinarten und der lokalen Bestände hinabsteigt. Landwirtschaftliche Intensivierung, Stickstoffdüngung, die Entwässerung von Feuchtwiesen und die Aufgabe der extensiven Beweidung haben magere Wiesen in weiten Teilen des Kontinents beseitigt und mit ihnen die Bestände des Augentrosts. Im Vereinigten Königreich zählen endemische Kleinarten wie Euphrasia rivularis und Euphrasia vigursii zu den am stärksten bedrohten Pflanzen der nationalen Flora. Der allgemeine Rückgang bestäubender Insekten setzt jene Linien zusätzlich unter Druck, die auf Fremdbestäubung angewiesen sind. Programme zur Erhaltung halbnatürlicher Wiesen, die auf später Mahd und Beweidung mit geringem Besatz beruhen, sind das wichtigste verfügbare Instrument.

Wissenswertes

  • Die Gattung Euphrasia besitzt eine bipolare Verbreitung, ein bei Pflanzen seltenes Muster: Sie tritt in den kühl gemäßigten Zonen der Nordhalbkugel auf und erscheint erneut in den südlichen Anden, in Neuseeland und auf subantarktischen Inseln, als Ergebnis von Fernausbreitungen mit anschließenden jungen Radiationen.
  • Weil er die Wüchsigkeit dominanter Gräser dämpft, werden der Augentrost und andere Wiesenhalbparasiten in Projekten der ökologischen Wiederherstellung als Werkzeug eingesetzt, um weniger konkurrenzstarken Kräutern Raum zu verschaffen.
  • Die Ploidiegrade in der Gattung reichen von diploid bis dodekaploid, ausgehend von einer Chromosomengrundzahl von elf, mit mehreren voneinander unabhängigen Polyploidisierungsereignissen.
  • Allein in der britischen Flora sind bereits Dutzende Hybridkombinationen innerhalb von Euphrasia beschrieben worden, was die Gattung zu einer der hybridisierungsfreudigsten unter den Pflanzen der Britischen Inseln macht.
  • Der Gattungsname ehrt Euphrosyne, eine der drei Grazien der griechischen Mythologie, deren Name Freude bedeutet.

Hinweis: Dieser Inhalt dient nur zur Information und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung. Konsultieren Sie vor der Anwendung von Heilpflanzen einen Arzt oder Phytotherapeuten, insbesondere in der Schwangerschaft, in der Stillzeit oder bei Einnahme von Medikamenten.

Referenzen und wissenschaftliche Studien

10 Zitierte Quellen

Basierend auf 10 zitierten Quellen (10 Ergänzende).

Alle 10 Zitierten Quellen Anzeigen
  1. International Plant Names Index (IPNI). Euphrasia officinalis L., Sp. Pl. 2: 604 (1753), Eintrag 802732-1. Royal Botanic Gardens Kew, Harvard University Herbaria und Australian National Botanic Gardens. Verfügbar unter ↗
  2. Plants of the World Online (POWO). Euphrasia officinalis L. Royal Botanic Gardens, Kew. Verfügbar unter ↗
  3. 1978 Yeo, P. F. A taxonomic revision of Euphrasia in Europe. Botanical Journal of the Linnean Society, Bd. 77, S. 223-334, 1978.
  4. 1972 Tutin, T. G. et al. (Hrsg.). Flora Europaea, Bd. 3. Cambridge: Cambridge University Press, 1972.
  5. 2019 Stace, C. A. New Flora of the British Isles. 4. Aufl. Middlewood Green: C&M Floristics, 2019.
  6. 2008 Gussarova, G. et al. Molecular phylogeny and biogeography of the bipolar Euphrasia (Orobanchaceae): recent radiations in an old genus. Molecular Phylogenetics and Evolution, Bd. 48, Nr. 2, S. 444-460, 2008.
  7. 2022 Wang, X. et al. Pervasive phylogenomic incongruence underlies evolutionary relationships in eyebrights (Euphrasia, Orobanchaceae). Frontiers in Plant Science, Bd. 13, Artikel 869583, 2022.
  8. 2002 Ersöz, T. et al. Iridoid and phenylethanoid glycosides from Euphrasia pectinata. Turkish Journal of Chemistry, Bd. 26, Nr. 2, S. 179-185, 2002.
  9. 2017 Zidorn, C. et al. Research survey on iridoid and phenylethanoid glycosides among seven populations of Euphrasia rostkoviana Hayne from the Alps. Phytochemistry, Bd. 136, S. 92-97, 2017.
  10. 2024 IUCN. The IUCN Red List of Threatened Species. Version 2024. Verfügbar unter ↗
Ist die Übersetzungsqualität dieses Artikels zufriedenstellend?
Wie fanden Sie diesen Artikel?
Durchschnittsbewertung: -
Aktualisiert am

Euphrasia officinalis, der Augentrost: Taxonomie, Morphologie, Lebensraum, Anbau, Phänologie, Phytochemie und Erhaltung eines halbparasitischen Wiesenkrauts.

Natugreens

Natugreens

Herbs and Medicinal Teas

Das Redaktionsteam von Natugreens vereint interdisziplinäre Fachkräfte mit Erfahrung in Forschung, Ernährung und Wissenschaftskommunikation. Unsere Mission ist es, klare, verantwortungsvolle und evidenzbasierte Inhalte bereitzustellen. Jeder Beitrag durchläuft eine redaktionelle Kuratierung und Prüfung. So stellen wir Konsistenz, Genauigkeit und Transparenz sicher.