Nur wenige Pflanzen stellen sich so wörtlich vor wie Sanguinaria canadensis. Man muss das Rhizom nur anbrechen, schon quillt ein dickflüssiger Milchsaft hervor, von einem Orangerot, das die Finger färbt und mit einem Schlag den Gattungsnamen, den englischen Trivialnamen und einen guten Teil des Rufs erklärt, den die Art in vier Jahrhunderten europäischer Beobachtung angesammelt hat. Sie gehört zu den Mohngewächsen, ist also eine nahe Verwandte des Mohns und des Schöllkrauts, und sie ist der einzige lebende Vertreter der Gattung Sanguinaria.
Die Art ist in der östlichen Hälfte Nordamerikas heimisch, von Zentral- und Ostkanada bis in die zentralen und östlichen Vereinigten Staaten, wo sie den Boden reifer Laubwälder besiedelt. Ihr oberirdischer Zyklus ist ausgesprochen kurz. Die Pflanze zählt zur funktionellen Gruppe der Frühjahrsgeophyten, die das schmale Lichtfenster zwischen Schneeschmelze und Kronenschluss nutzen, um auszutreiben, zu blühen und zu fruchten, bevor sie sich für den Rest des Jahres in das Rhizom zurückziehen. Ein ganzer Bestand kann in weniger als drei Monaten von unsichtbar über blühend wieder zu unsichtbar werden.
Dieses Profil trägt zusammen, was die botanische Literatur über die Art festhält: formale Taxonomie, abgeglichen mit den Nomenklaturdatenbanken, Morphologie mit Maßangaben, Ökologie des Lebensraums, gärtnerische Praxis im Gehölzrand, Phänologie und Bestäubung, Abgrenzung im Gelände gegenüber ähnlichen Arten, beschreibende Chemie, historische und ethnographische Überlieferung sowie der Erhaltungszustand. Nichts davon ist eine Anwendungsempfehlung. Die Pflanze ist in allen Teilen giftig, und der Text beschreibt den Organismus, nicht Wege, ihn zu verwenden.
Die Kanadische Blutwurz ist ein Frühjahrsgeophyt der Laubwälder im Osten Nordamerikas.

Ihren Namen verdankt die Kanadische Blutwurz dem orangeroten Milchsaft des Rhizoms.
Taxonomie
Die Gattung Sanguinaria ist monotypisch, enthält also nur eine einzige anerkannte Art. Der Name wurde 1753 von Linné im ersten Band der Species Plantarum gültig veröffentlicht, dem Werk, das den Ausgangspunkt der modernen botanischen Nomenklatur markiert. Die heutige Einordnung nach dem APG-System, wie es Plants of the World Online übernimmt, lautet:
- Reich: Plantae
- Klade: Bedecktsamer, Eudikotyledonen
- Ordnung: Ranunculales
- Familie: Papaveraceae Juss., 1789
- Unterfamilie: Papaveroideae
- Gattung: Sanguinaria Dill. ex L., 1753
- Art: Sanguinaria canadensis L., 1753
Das Binomen wurde im International Plant Names Index geprüft, der die Erstveröffentlichung in den Species Plantarum von 1753 verzeichnet und die Autorschaft Linné zuschreibt, sowie in Plants of the World Online der Royal Botanic Gardens Kew, wo Sanguinaria canadensis L. als akzeptierter Name geführt wird.
Synonyme
Wie bei stark gesammelten und stark veränderlichen Arten üblich, hat die Kanadische Blutwurz eine lange Liste von Namen angesammelt, die heute in die Synonymie verwiesen sind. Auf Gattungsebene ist Belharnosia Adans. ein Synonym von Sanguinaria. Unter den Artsynonymen finden sich:
- Belharnosia canadensis (L.) Nieuwl.
- Sanguinaria acaulis Moench
- Sanguinaria canadensis var. rotundifolia (Greene) Fedde
- Sanguinaria canadensis var. stenopetala Pursh
- Sanguinaria grandiflora Raf.
- Sanguinaria vernalis Salisb.
- Sanguinaria virginiana Gaertn.
Mehrere von Fedde 1909 beschriebene Varietäten wie australis, dilleniana und mesochora sowie spätere Formen wie colbyorum Benke und incarnata Farw. entsprechen einer kontinuierlichen Variation innerhalb der Bestände und gelten heute nicht mehr als eigenständige Taxa. Die einzige gärtnerisch bedeutsame Ausnahme ist die gefülltblütige Form multiplex (E.H.Wilson) Weath., die weiter unten im Abschnitt zum Anbau behandelt wird.
Etymologie
Der Gattungsname geht auf das lateinische sanguis zurück, Blut, und verweist unmittelbar auf den roten Milchsaft, den die Pflanze bei Verletzung absondert. Das Epitheton canadensis bedeutet schlicht aus Kanada und deutet auf die Herkunft des Materials, das mit den ersten kolonialen Sendungen nach Europa gelangte, obwohl die Art ein weit größeres Gebiet als nur kanadisches Staatsgebiet besiedelt. Für deutschsprachige Leser ist ein Hinweis angebracht: Der Name Blutwurz bezeichnet im Deutschen üblicherweise Potentilla erecta, ein Rosengewächs ohne jede Verwandtschaft zu dieser Art, weshalb hier stets von der Kanadischen Blutwurz die Rede ist. Im Englischen heißt sie bloodroot, wörtlich Blutwurzel.
Morphologische Beschreibung
Die Kanadische Blutwurz ist eine kahle, ausdauernde Staude mit verzweigtem Rhizom, die etwa 40 Zentimeter Höhe erreicht, in Ausnahmefällen 60 Zentimeter. Ihr Erscheinungsbild während der Blüte ist eigentümlich genug, um sie sofort erkennbar zu machen: Jeder Trieb bringt ein einziges Blatt hervor, das wie ein Mantel um die Blütenknospe gerollt aus dem Boden kommt, sodass die Blüte aus dem Inneren des Blattes zu wachsen scheint. Erst nachdem die Blüte sich geöffnet hat und verwelkt ist, entrollt sich die Spreite vollständig und erreicht ihre endgültige Größe. Der gesamte oberirdische Teil verschwindet im Sommer.
Blätter
Das Blatt steht einzeln, grundständig und lang gestielt, der Stiel wird bis zu 15 Zentimeter lang, ist fleischig und ebenfalls reich an Milchsaft. Die Spreite erreicht 25 Zentimeter Breite und ist im Umriss kreisrund bis nierenförmig oder herzförmig pfeilförmig, mit fünf bis sieben tief eingeschnittenen handförmigen Lappen und gekerbtem bis welligem Rand. Die Oberseite ist bereift, von einem graublauen Grün, das sie von fast allen Nachbarn der Krautschicht abhebt, und die handförmige Nervatur zeichnet sich im Gegenlicht deutlich ab. Die Blattentfaltung setzt sich mehrere Wochen nach der Blüte fort, und die größte Blattfläche fällt in den Zeitpunkt, zu dem sich das Kronendach bereits geschlossen hat.
Blüten
Die Blüten stehen einzeln und endständig auf einem Schaft und fallen durch ihre Kurzlebigkeit auf: Jede hält nur wenige Tage, und ein Bestand kann in weniger als einer Woche vom Höhepunkt bis zum Ende der Blüte gelangen. Die beiden Kelchblätter messen etwa 1 Zentimeter und fallen zur Anthese ab. Die Kronblätter sind weiß, gelegentlich rosa überlaufen, länglich bis verkehrt lanzettlich, 15 bis 30 Millimeter lang und in wechselnder Zahl vorhanden, meist acht bis zwölf, wobei die äußeren länger sind als die inneren. Die Staubblätter sind zahlreich, mit goldgelben Staubbeuteln, die vom Weiß der Kronblätter abstechen, und der Fruchtknoten ist oberständig, mit zwei Fruchtblättern und zweilappiger Narbe. Die Blüte bildet keinen Nektar, nur Pollen.
Früchte und Samen
Die Frucht ist eine spindelförmige, kahle Kapsel von 35 bis 60 Millimetern Länge, die sich bei Reife mit zwei Klappen öffnet. Die Samen sind zahlreich, annähernd kugelig, 2 bis 3 Millimeter groß und schwarz bis orangerot, mit fein netzartiger Oberfläche. Jeder Samen trägt ein Elaiosom, einen fleischigen, lipidreichen Anhang, der den Ameisen als Belohnung dient und den im Abschnitt zur Phänologie beschriebenen Ausbreitungsmechanismus trägt. Die Reife tritt vier bis sechs Wochen nach der Blüte ein, wobei die Kapseln bereits abtrocknen, während das Blatt noch voll entfaltet ist.
Rhizom
Das Rhizom ist das kennzeichnendste Organ der Art und der Grund für ihren Namen. Es wächst waagerecht oder schräg wenige Zentimeter unter der Oberfläche, misst 5 bis 15 Zentimeter Länge bei 1 bis 2,5 Zentimetern Durchmesser, verzweigt sich mit dem Alter und bildet dichte klonale Kolonien. Die Außenseite ist rotbraun, das Innere von einem lebhaften Orangerot, das an der Luft nachdunkelt. Beim Anschneiden tritt reichlich Milchsaft derselben Farbe aus. Dieser Milchsaft reizt Haut und Schleimhäute und hinterlässt hartnäckige Flecken auf Textilien.
Kanadische Blutwurz: Verbreitung und Lebensraum
Das natürliche Areal der Art umfasst Zentral- und Ostkanada sowie die zentralen und östlichen Vereinigten Staaten. In Kanada reicht es von Neuschottland und Neubraunschweig über Québec und Ontario bis Manitoba. In den Vereinigten Staaten erstreckt es sich von Neuengland bis in den Norden Floridas und westwärts bis North Dakota, South Dakota, Nebraska, Kansas, Oklahoma und Osttexas. Die zentralen Appalachen beherbergen die dichtesten Bestände und die größte morphologische Vielfalt.
Der typische Lebensraum ist der Boden mesophytischer Laubwälder, auf tiefgründigem, humusreichem und gut durchlässigem Substrat. Die Art tritt häufig in Auen, an Bachufern und an nordexponierten Hängen auf, wo die Feuchtigkeit über den Sommer hinweg gleichmäßiger bleibt. Seltener findet sie sich auch auf Lichtungen, Wiesen und festgelegten Dünen, und nur ausnahmsweise auf gestörten Flächen, was sie zu einem guten Anzeiger reifer Wälder macht. Die belegte Höhenverbreitung reicht vom Meeresspiegel bis etwa 1.300 Meter.
Das Klima des Verbreitungsgebiets ist kontinental bis feucht gemäßigt, mit kalten Wintern und gleichmäßig verteilten Niederschlägen. Das Rhizom benötigt eine lange Kälteperiode, um die Keimruhe zu brechen, was den Anbau in milden Klimaten stark einschränkt. Die Art kommt weder in Brasilien noch sonst irgendwo in Südamerika natürlich vor, und Einbürgerungen außerhalb ihres heimischen Areals sind nicht belegt.
Anbau
Auf der Nordhalbkugel ist die Kanadische Blutwurz ein Klassiker des Gehölzgartens, geschätzt für ihre frühe Blüte und für das bereifte Laub, das das Beet füllt, sobald die Blüten vorüber sind. Außerhalb der Gebiete mit strengem Winter ist der Anbau dagegen schwierig oder aussichtslos, und in Brasilien lohnt er allenfalls in Höhenlagen mit ausgeprägter Kälte, etwa in der Serra Gaúcha, der Serra Catarinense und der Region um Campos do Jordão. Selbst dort bleibt das Ergebnis ungewiss.
Vermehrung
Die Teilung des Rhizoms ist die zuverlässigste Methode. Sie erfolgt im Herbst, nachdem das Blatt eingezogen ist, indem man Abschnitte mit mindestens zwei Knospen abtrennt und sie waagerecht in drei bis fünf Zentimetern Tiefe wieder einpflanzt. Die Aussaat ist langsamer und verlangt Sorgfalt: Die Samen sind rekalzitrant, verlieren beim Trocknen rasch ihre Keimfähigkeit und sollten unmittelbar nach der Ernte ausgesät werden. Die Keimung setzt eine doppelte Stratifikation voraus, eine warme Phase gefolgt von einer kalten, und erfolgt meist erst im zweiten Frühjahr. Aus Samen gezogene Pflanzen brauchen drei bis fünf Jahre bis zur ersten Blüte.
Ansprüche
Der ideale Boden ist ein Waldboden: krümelig, tiefgründig, humusreich und frei drainierend, mit einem pH-Wert zwischen leicht sauer und neutral. Staunasse oder verdichtete Böden sind die häufigste Ursache des Scheiterns. Die Belichtung sollte das natürliche Regime nachbilden, mit direkter Sonne im zeitigen Frühjahr und Schatten im Sommer, was sich durch eine Pflanzung unter Laubbäumen erreichen lässt. Die Feuchtigkeit muss während der Wachstumsphase gleichmäßig sein und darf nachlassen, sobald das Blatt eingezogen ist. Eine Schicht von fünf bis acht Zentimetern Falllaub, jeden Herbst erneuert, wirkt zugleich als Mulch und als Düngung.
Häufige Schädlinge
Die Art wird wenig befallen, vermutlich wegen der Alkaloide in allen ihren Geweben. Nacktschnecken und Gehäuseschnecken schädigen in nassen Frühjahren die jungen Blätter, und Rehe fressen die Pflanze selten, können aber im Vorbeigehen die Blüten abbrechen. Unter den Krankheiten ist die Rhizomfäule durch opportunistische Pilze in staunassem Boden die ernsteste, und der Grauschimmel durch Botrytis cinerea tritt auf, wo sich übermäßige Feuchtigkeit mit mangelnder Durchlüftung verbindet.
Ernte und Zierformen
Im Garten beschränkt sich die laufende Pflege auf die regelmäßige Teilung der Horste alle vier bis fünf Jahre, um zu dichten Stand zu vermeiden. Unter den kultivierten Auslesen ist die Form multiplex mit Abstand die verbreitetste: Ihre gefüllten Blüten erinnern an Pfingstrosen im Kleinformat, halten länger als die der einfachen Form, weil kein Pollen für Besucher abzutragen ist, und da sie keine keimfähigen Samen ansetzen, lässt sich die Pflanze nur durch Teilung vermehren. Daneben kursieren Auslesen mit schmalen Kronblättern und mit rosa Grund, alle im Handel selten.
Phänologie
Die Blüte fällt in das zeitige Frühjahr der Nordhalbkugel, je nach Breite und Höhenlage zwischen März und Mai, womit die Art zu den ersten Blühern der Waldbodenflora zählt. Die Blüten öffnen sich in der Morgensonne und schließen sich nachts und an trüben Tagen. Die Anthese ist protogyn: Die Narbe wird empfängnisbereit, bevor die Staubbeutel derselben Blüte Pollen freigeben, eine Anordnung, die die Kreuzung zwischen Individuen begünstigt. Bleibt die Fremdbestäubung in den wenigen Tagen aus, die die Blüte überdauert, krümmen sich die Staubblätter über die Narbe und es kommt zur Selbstbestäubung.
Da die Blüte Pollen und keinen Nektar bietet, sind die wirksamen Besucher vor allem pollensammelnde Bienen, insbesondere Solitärbienen der Gattungen Andrena und Lasioglossum. Auch Fliegen, kleine Käfer und Wespen besuchen die Blüten, tragen jedoch weniger zum Pollentransport bei. Die Fruchtbildung folgt rasch, mit reifen Kapseln zwischen Mai und Juni.
Die Ausbreitung ist das am gründlichsten untersuchte Kapitel der Naturgeschichte dieser Art. Sie ist myrmekochor: Das Elaiosom jedes Samens lockt Ameisen an, vor allem der Gattungen Aphaenogaster und Formica, die den Samen in den Bau tragen, den Anhang verzehren und den unversehrten Samen in den Abfallkammern ablegen. Das Ergebnis ist eine bescheidene Verlagerung, meist von wenigen Metern, aber in ein feuchtes, nährstoffreiches und vor Samenfressern geschütztes Kleinhabitat. Diese geringe Reichweite erklärt, warum die Art neue Flächen nur langsam besiedelt und in jungen Sekundärwäldern kaum wieder auftaucht.
Verwandte Arten und Verwechslungen
Als einziges Mitglied ihrer Gattung hat die Kanadische Blutwurz keine Gattungsgenossen, mit denen sie zu verwechseln wäre. Die einschlägigen Vergleiche führen zu anderen Mohngewächsen mit gefärbtem Milchsaft und zu den Frühjahrsgeophyten, die denselben Lebensraum teilen.
Innerhalb der Familie tauchen drei Arten regelmäßig in den Vergleichen auf. Chelidonium majus L., das eurasische Schöllkraut, bildet orangefarbenen Milchsaft und Isochinolinalkaloide derselben Gruppe, besitzt aber einen verzweigten Stängel, zusammengesetzte Blätter und kleine gelbe Blüten in Dolden. Macleaya cordata (Willd.) R.Br. aus Asien reichert ebenfalls Sanguinarin an, bildet jedoch einen zwei bis drei Meter hohen krautigen Strauch mit rispigen Blütenständen. Stylophorum diphyllum (Michx.) Nutt. teilt mit ihr die Wälder des östlichen Nordamerika, hat aber gelben Milchsaft, einen beblätterten Stängel und gelbe Blüten.
Unter den gleichzeitig blühenden Nachbarn stützt sich die Unterscheidung auf einfache Merkmale. Thalictrum thalictroides (L.) A.J.Eames & B.Boivin trägt ähnliche weiße oder rosa Blüten, doch stehen sie zu zweit bis zu fünft über dreizählig zusammengesetzten Blättern, und Milchsaft fehlt vollständig. Hepatica spp. besitzen einzeln stehende Blüten vergleichbarer Größe mit blauen, lila oder weißen Perigonblättern sowie lederige, dreilappige Blätter, die den Winter überdauern. Podophyllum peltatum L. hat ein großes handförmiges Blatt von ähnlichem Zuschnitt, doch trägt jeder fertile Trieb zwei Blätter, und die Blüte hängt in der Achsel zwischen beiden.
Das entscheidende Merkmal im Gelände bleibt der Milchsaft. Keine andere Pflanze der Flora des östlichen Nordamerika liefert ein orangerotes Exsudat, das dem des Blutwurz-Rhizoms gleichkäme, und ein flacher Schnitt räumt jeden Zweifel an der Bestimmung aus.
Phytochemie
Das chemische Profil der Art wird von Isochinolinalkaloiden bestimmt, die sich auf zwei Strukturgruppen verteilen. Die erste sind die Benzophenanthridine, zu denen Sanguinarin und Chelerythrin gehören, die beiden Hauptverbindungen des Rhizoms, daneben Sanguilutin, Chelilutin, Chelirubin und Sanguirubin in geringeren Anteilen. Die zweite sind die Protopine, vertreten vor allem durch Protopin und Allocryptopin. Sanguinarin verantwortet die Farbe des Milchsafts und stellt zusammen mit Chelerythrin den größten Teil der Alkaloidfraktion.
Die Verteilung in der Pflanze ist deutlich ungleich. Das Rhizom führt die höchsten Mengen, es folgen die Wurzeln, während Blätter, Blüten und Früchte vergleichsweise niedrige Gehalte aufweisen. Hinzu kommt eine zeitliche Schwankung: Die Sanguinaringehalte im Rhizom erreichen ihr Maximum während der Blüte und zu Beginn der Fruchtreife. Chemisch-ökologische Untersuchungen an Wildbeständen belegen den Einfluss von Höhenlage, Wassergehalt des Rhizoms, Sammelort und Genotyp auf die Endkonzentration, was Wildmaterial zu einer chemisch heterogenen Ware macht.
Sicherheitsseitig ist die Kanadische Blutwurz in allen ihren Teilen giftig. Sanguinarin ist ein zytotoxisches Alkaloid, das in die Natrium-Kalium-Pumpe der Zellmembranen eingreift, und der Milchsaft wirkt ätzend auf Haut und Schleimhäute und kann bei direktem Kontakt chemische Verbrennungen und Gewebezerstörung hervorrufen. Die Aufnahme beliebiger Pflanzenteile führt zu Vergiftungen, wobei eine Reizung des Verdauungstrakts zu den ersten Erscheinungen zählt. Die Giftigkeit erstreckt sich auf Haustiere: Hunde, Katzen und kleine Pflanzenfresser sind empfindlich, weshalb von der Art in Gärten mit Tierverkehr abzuraten ist.
Geschichte und Ethnobotanik
Die erste ausführliche europäische Aufzeichnung zu dieser Art liegt mehr als ein Jahrhundert vor Linnés Beschreibung. Jacques-Philippe Cornut veröffentlichte 1635 in der Canadensium Plantarum Historia eine Abbildung der blühenden Pflanze mit freigelegtem Rhizom, ein Werk, das das unmittelbare Interesse belegt, das der rote Milchsaft bei französischen Naturforschern weckte. Linné legte das Binomen 1753 anhand nordamerikanischen Materials fest, das in europäischen Herbarien zirkulierte.
Indigene Völker des östlichen Nordamerika, darunter Algonkin, Cherokee und Irokesen, nutzten den Milchsaft des Rhizoms als Farbstoff. Ethnographische Quellen des 18. und 19. Jahrhunderts beschreiben seine Verwendung in der Körperbemalung, bei der Verzierung von Gegenständen und beim Färben von Flechtwerk und Textilfasern, mit Tönen von Orange bis zu kräftigem Rot je nach eingesetztem Beizmittel. Aufzeichnungen derselben Zeit erwähnen, dass europäische Siedler die Pflanze als Färbemittel übernahmen, und die Wurzel zählte zu den Waldprodukten, die in den Appalachen gesammelt und gehandelt wurden.
Die Chemie der Art trat 1827 in die Literatur ein, als James Freeman Dana das Sanguinarin isolierte, eines der ersten in Nordamerika gewonnenen Pflanzenalkaloide. Im 20. Jahrhundert wurde Sanguinarin in Mundhygieneprodukte aufgenommen, die in den Vereinigten Staaten in den 1980er und 1990er Jahren vertrieben wurden. Die Episode nahm ein schlechtes Ende: Untersuchungen brachten den langfristigen Gebrauch dieser Produkte mit dem Auftreten oraler Leukoplakie in Verbindung, und sie wurden vom Markt genommen. Der Fall gilt in der Literatur heute als Beispiel für einen Pflanzenstoff, dessen kommerzielle Anwendung durch den Nachweis eines Schadens zurückgenommen wurde.
Schutzstatus
Für die Art liegt keine veröffentlichte globale Bewertung in der Roten Liste der IUCN vor. Maßgeblich für Nordamerika ist NatureServe, die Rote-Liste-Instanz für die Pflanzen der Region, die ihr den globalen Rang G5 zuweist, entsprechend ungefährdet. Die Einstufung spiegelt das weite Verbreitungsgebiet und die große Zahl belegter Bestände wider.
Auf lokaler Ebene fällt das Bild weniger beruhigend aus. Mehrere Gebietskörperschaften vergeben restriktive Rangstufen, und die Art erhält am Rand ihres Areals Schutzstatus, darunter die Einstufung als durch Nutzung gefährdete Art im Staat New York und als Art von besonderem Interesse in Rhode Island. Die Organisation United Plant Savers führt sie auf ihrer At-Risk-Liste und empfiehlt den Anbau anstelle der Wildsammlung. In keinem CITES-Anhang ist die Art verzeichnet.
Die belegten Gefährdungen summieren sich aus drei Richtungen. Die kommerzielle Ernte von Rhizomen aus Wildbeständen hat in den Appalachen örtliche Rückgänge ausgelöst, verschärft dadurch, dass die Entnahme des Rhizoms die Pflanze tötet und die Wiederbesiedlung über Samen langsam verläuft. Zerschneidung und Umwandlung reifer Wälder beseitigen den Lebensraum, auf den die Art angewiesen ist, ohne Ersatz in jungen Sekundärwäldern. Und invasive Arten der Krautschicht, allen voran Alliaria petiolata und Microstegium vimineum, besetzen dieselbe Schicht und unterdrücken die Verjüngung.
Wissenswertes
- Die Blüte hat überhaupt keinen Nektar anzubieten. Der gesamte Aufwand für eine Belohnung ging in den Pollen, und die Bienen, die sie besuchen, ziehen damit und mit nichts sonst wieder ab.
- Das Blatt dient als Verpackung. Es kommt um die Blütenknospe gerollt aus dem Boden und öffnet sich erst, nachdem die Blüte aufgegangen ist, eine Anordnung, die die Fortpflanzungsorgane vor den Spätfrösten des Frühjahrsbeginns schützt.
- Ameisen sind das Transportmittel dieser Art, und kein besonders schnelles: Jeder Samen legt nur wenige Meter bis zum Bau zurück, was mit erklärt, warum die Kanadische Blutwurz in alten Wäldern auftritt und fast nie auf jungen Brachen.
- Cornuts Abbildung von 1635 zeigte die Pflanze mit aufgeschnittenem Rhizom im Blickfeld. Das war eine bewusste Entscheidung des Zeichners, denn ohne dieses Detail hätte der Name, den die Art ein Jahrhundert später erhalten sollte, keinerlei Sinn ergeben.
- Die gefülltblütige Form ist steril, und sämtliche Exemplare in Kultur stammen über fortgesetzte Rhizomteilung von einer Handvoll Ursprungspflanzen ab, die inmitten von Wildbeständen gefunden wurden.
Hinweis: Dieser Inhalt dient nur zur Information und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung. Konsultieren Sie vor der Anwendung von Heilpflanzen einen Arzt oder Phytotherapeuten, insbesondere in der Schwangerschaft, in der Stillzeit oder bei Einnahme von Medikamenten.
Referenzen und wissenschaftliche Studien
Alle 10 Zitierten Quellen Anzeigen
Peer-Reviewed Wissenschaftliche Studien (1)
- PEER NatureServe. Sanguinaria canadensis (Bloodroot). NatureServe Explorer. Arlington: NatureServe. ↗
Ergänzende Lektüre (9)
- Cornut, J.-P. Canadensium Plantarum Historia. Paris: Simon Le Moyne, 1635. ↗
- 1997 Flora of North America Editorial Committee (Hrsg.). Flora of North America North of Mexico, Bd. 3: Magnoliidae and Hamamelidae. New York und Oxford: Oxford University Press, 1997.
- International Plant Names Index. Sanguinaria canadensis L., Sp. Pl. (1753). Royal Botanic Gardens Kew, Harvard University Herbaria und Australian National Herbarium. ↗
- Linné, C. Species Plantarum, Bd. 1. Stockholm: Laurentius Salvius, 1753. ↗
- Plants of the World Online. Sanguinaria canadensis L. Royal Botanic Gardens, Kew. ↗
- 2005 Predny, M. L.; Chamberlain, J. L. Bloodroot (Sanguinaria canadensis): An Annotated Bibliography. General Technical Report SRS-86. Asheville: USDA Forest Service, Southern Research Station, 2005.
- 2001 Salmore, A. K.; Hunter, M. D. Elevational trends in defense chemistry, vegetation, and reproduction in Sanguinaria canadensis. Journal of Chemical Ecology, 27(9), 1713-1727, 2001.
- 2001 Salmore, A. K.; Hunter, M. D. Environmental and genotypic influences on isoquinoline alkaloid content in Sanguinaria canadensis. Journal of Chemical Ecology, 27(9), 1729-1747, 2001.
- United Plant Savers. Species At-Risk List: Bloodroot (Sanguinaria canadensis). Rutland: United Plant Savers. ↗
